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Lebensbeschreibung Uriel von Gemmingen, Erzbischof und Churfürst von Mainz

XCIV.
Uriel, achtunddreißigster Churfürst und vierundfünfzigster Erzbischof zu Mainz

Nachdem Erzbischof Jacob mit grossem Leid-Wesen der Mainzischen Clerisey und Burger sein Leben beschlossen hatte/ wurde Uriel von Gemmingen/ ein edler Held/ wie ihn Bruschius nennet/ der Geburt nach ein Schwab/ Anno 1508, 6 Calend. Octobr. zum Erzbischof zu Mainz erwählet. Er hatte es mit seinem fleissigen Studiren so weit gebracht/ daß er Doctor der Rechten creiret wurde/ und darauf die Dom-Dechants-Würde erlangte/ biß ihn endlich/ wie gemeldet/ die Mainzische Clerisey zu ihrem Erzbischof/ wegen seiner trefflichen Verdienste/ mit einmüthigem Consens erkieste/ worauf er am Sonntag Laetare des 1509. Jahres inauguriret wurde. Gleich zu Anfang seiner Regierung entstunde zu Erfurt eine gefährliche und weit aussehende Uneinigkeit zwischen dem Rath und den Burgern/ und zwar solcher Gestalt: Es hatte der Oberste Zunfft-Meister/ oder vornehmste Vier-Herr daselbst/ Namens Heinrich Kelner/ die Kayserliche Pflege Kapplendorff den Sachsen vor 8000 fl. versetzet/ und weder dem Rath noch den Bürgern einiges Wort darvon gemeldet. Besagte Sachsen nun nahmen das Schloß und darzu gehörige Dörffer so fort in Besitzung/ und war da niemand vorhanden/ welcher sich diesem Vornehmen widersetzet hätte/ ja es unterstunde sich niemand zu fragen/ ob Kapplendorff verkaufft oder verpfändet wäre? Es wolten weder Collecten noch Zölle mehr zulangen/ der in Schulden steckenden Stadt wieder empor zu helffen; der Credit ware bey den Ausländern verloren/ die Burger selbst wurden so wol Bitts-Weise ersuchet/ als mit Zwang getrieben/ Geld an die Hand zu schaffen/ welches aber einen Weeg als den andern zu wenig ware/ und eine geringe Erleichterung beytragen konnte/ weil der Ursprung dieses Unheils/ nemlich die üble Verwaltung der Einkünfften/ nicht verbessert wurde. Die vornehmen Creditores drungen theils auf ihre Haubtsummen/ theils auf die verfallene Zinse/ und weil keine Bezahlung/ erfolgte/ wurden die Bürger ausserhalb der Stadt angehalten/ gefangen genommen/ und statt eines Pfands so lang verwahret/ bis ein beliebiger Vergleich erfolget. Der Rath wuste bey so gestalten Sachen nicht/ wo aus noch ein/ und damit er auf den Grund der Sache Kommen mögte/ überschlugen sie die Einnahm und Ausgab/ da dann heraus kam/ daß diese von jener um ein merkliches/ ja viel tausend/ übertroffen wurde. Man berahtschlagte ängstiglich/ wie doch immermehr die Sache anzugreiffen seyn möchte? bis endlich vor gut befunden wurde/ der Bürgerschafft den elenden Zustand der Stadt bewöglichst zu verstehen zu geben/ wie dann auch hiermit geschahe; die Bürger wurden in den vier Theilen der Stadt zusammen gefordert/ und zu denenselben etliche abgesendet/ welche/ im Nahmen des Raths/ denenselben anzeigten/ wie nemlich die Stadt in grosse Schuldenlast gerahten/ und hätte zwar der Raht alle ersinntichste Mittel hervor gesuchet/ alles in einen besseren Stand zu bringen/ weil aber das Ärarium durch die aufwachsende Zinse nur immer mehr und mehr erschöpfet würde/ als hätte besagter Raht nicht umhin gekönnt/ ihnen die unumbgängliche Nohtwendigkeit vor Augen zu stellen/ damit etwann ein Mittel möchte ersonnen werden/ eine so schwehre Last zu erleichtern/ ehe die Stadt darunter gar erliegen möchte; es stünde der Gemeine frey in allen Vierteln ihre vier gewisse Herren zu erwehlen/ welche der Stadt bestes suchten und der Eintracht ergeben wären/ denen wollte der Rath die Summa der Schulden-Last vorstellen/ und mit allen Sechzehen überlegen/ wie man aus diesem Labyrinth füglich gerahten möchte.

Hierüber fieng das Volk hefftig an zu murren/ man hätte vor der empfangenen Wunde die Berahtschlagung anstellen sollen; weisen Leuten stünde wol an/ dem Ubel bey Zeiten vorzubauen/ ehe es allzustark überhand nehme. Jedoch wurden sie endlich einig/ daß ein jedes Viertel seine vier-Herren erwehlte/ die sie vermeinten ein Herz zu haben/ ohne Scheu zu reden/ was zu ihrem Besten diente. Allein selbige wollten sich hierzu nicht gebrauchen lassen/ sondern wendeten ein/ es sey eine gefährliche Sache/ mit grössern umbzugehen/ als sie selbst wär/ man dürffte ihnen die Warheit nicht kecklich unter Augen sagen/ sie könnten ihnen leichtlich einbilden/ wie gehässig ihnen der Raht werden würde/ wann sie die eigentlichen und rechtgründlichen Ursachen dieser Schulden-Last zu erforschen begehren würden; jedoch wollten sie dem Vatterland und dem gemeinen Regiment zu Lieb und Nutzen keine Gefahr hierinnen ausschlagen/ wo ihnen die Gemeine vor allen Schaden gut zu seyn angelobe/ und sie in ihren Schutz zu nehmen versprechen würde. Wie nun dieses geschehen/ verfügten sich die erwehlten vier-Herren ohn Säumnis auf das Rahthaus/ und gaben dem Raht ihr Anbringen zu verstehen/ welcher mit grosser Bestürzung die Register darlegte/ da dann nach zusammengerechneten Schulden/ eine Summa von 600000. Gold-Gulden herauskame/ worüber die Abgefertigten vor Schrecken fast erstauneten/ jedoch sich/ so gut sie konnten/ bald wieder erholten/ und mit diesen Worten: Sie wollten solches der Gemeine andeuten; ihren Abschied nahmen. Als sie nun des folgenden Tages dem Volk diese unsägliche Summa zu verstehen gegeben/ ware der Schrecken unter demselben Anfangs dermassen groß/ daß keiner einig Wort nicht hervor bringen konnte/ worauf ein immer je mehr und mehr zunehmendes Murren/ und endlich ein wüstes Geschrey erfolgte/ also daß ein jeder dem Raht alles Unheil auf den Hals wünschte. Die erwehlten vier-Herrn aber redeten ihnen beweglich zu/ man müste eine so wüchtige Sache nicht mit Grimm und Raserey/ sondern mit Vernunfft angreiffen/ es könnte der Raht wegen seines begangenen Fehlers wol demütig erinnert/ aber nicht mit Schelt-Worten gereitzet werden/ sie wollten ihr Begehren/ wann es nur in Schranken der Mässigkeit bliebe/ gerne überbringen/ und an ihnen nichts erwinden lassen/ was dem Volk zum Nutzen gereichen könnte. Allso wurden besagte Herren mit diesen Worten wieder abgeordnet/ es seye die Bürgerschafft bereit/ allen rechtmässigen Geboten gehorsam zu leisten/ hätte aber die elende Beschaffenheit der Schatzkammer mit grosser Betrübnis verstanden/ es seyen ja bishero grosse Collecten geschehen/ man habe von den Zöllen/ von Speiß und Getränk grosse Einkünfften erhoben/ könnten sie also nicht glauben/ daß die Schulden der Stadt sich so unbegreifflich hoch belauffen sollten/ sie wollten dannenhero den Raht gebetten haben/ es möchte derselbe eine Rechnung/ von 30. Jahren her/ auszeichnen lassen/ damit die Gemeine sehen könnte/ wohin doch die Steuern der Bürger und so viel entlehnte Gelder wären verwendet worden? Als die Abgeordneten solches Begehren dem Raht hinterbrachten/ ware derselbe hierzu willig; Weil aber die Gemeine festiglich darvor hielte/ es würde derselbe wieder sie auf eine ernste Rache bedacht seyn/ ob er sich gleich dessen nicht merken liese/ begehrte dannenhero durch ihre Abgeordnete die Schlüssel der Stadt/ und Besetzung der Wachten/ mit diesem angehängten Zusatz/ es sollte solches ohne einige Gefahr des Rahts geschehen/ und seye das Volk bereit/ vor das gemeine Regiment Gut und Blut aufzusetzen. Worauf der Raht auch hierinnen willfahrte/ weil er nicht anders wuste/ der verwirrten Sache Raht zu schaffen. Also nahme der Pöbel die Waffen zur Hand/ und den Wall samt dem Schloß in seine Gewalt/ begehrte so fort abermahls Rechnung/ und wollte kurzumb haben/ man sollte anzeigen/ wo man mit so vielem Geld wäre hingekommen? Inzwischen solches vorgienge/ eröffnete die jenigen/ welche ihr Gewissen/ ihres üblen Verhaltens halber/ drückte/ den Sächsischen Fürsten ihre Gefahr/ und bekamen deßwegen von denselben gute Vertröstung; worüber sich der Raht wieder in etwas erholte. Und/ weil das Volk wiederumb Rechnung forderte/ denen Abgeordneten rund zu verstehen gab/ es seye eine ganz ungerechte Sache/ die der Pöbel fordere; der Raht sey schuldig/ seinen Nachfolgern im Regiment/ und nicht dem Volk/ Rechnung zu thun/ diß bringe der Vorfahren uralter Gebrauch mit sich/ welchen keine gehorsame Bürger/ sondern Rebellen umbzustossen trachten. Hierüber wurden die Abgeordneten unwillig/ und forderten nochmahls Rechnung/ mit diesem Zusatz/ es sey vergeblich/ sich zu widersetzen das Volk sey in den Waffen und habe die Stadt in Verwahrung/ der ungewaffnete Raht werde ja itzo nicht umbstossen/ was er vorhero gewaffnet versprochen/ er müste einmal vor allemal Rechnung ablegen/ es geschehe gleich willig oder unwillig. Indem dieses vorgienge/ bekame die Gemeine ein Schreiben von den Sächsischen Fürsten/ dieses Innhalts: Sie hätten in Erfahrung gebracht/ daß die Bürger zu Erffurt mit ihrem Raht in Uneinigkeit gerahten/ dannenhero sie dieselben erinnerten/ sich ja ihren Vorgesetzten nicht zu widersetzen/ durch Eintracht werde ihr Regiment im Aufnehmen bleiben/ durch Aufruhr und Zweytracht aber sich zum Untergang neigen. Nachdem die Bürger dieses Schreiben gelesen/ konnten sie ihnen leichtlich die Rechnung machen/ es hätten etliche des Rahts die Fürsten umb Hülffe angeruffen/ dannenhero beantworteten sie solches Schreiben: Sie hätten nichts wider den Raht/ sondern nur wider solche Personen sich in Sicherheit gesetzet/ welche die Schatzkammer beraubet/ und forderten von denselben/ daß sie Rechnung thun sollten/ und zwar den jenigen/ deren Güter sie verwaltet hätten; dieses billig-mässige Begehren könne ihnen nicht übel ausgedeutet werden; im übrigen bedankten sie sich gegen die Fürsten vor ihre Sorge und Liebe gegen sie.

Hierauf stellten die vier-Herren und Handwerks Zunfftmeister der Gemeine vor/ man müste sich umb einen höhern Schutz bewerben/ und könne und solle man sich in dieser Sache nach niemand anders umbsehen/ als nach ihren Herrn/ den Erzbischof und Churfürsten zu Mainz; es seye der Erzbischofliche Mainzische Stuhl die Mutter der Stadt Erffurt/ und habe sie von dannen in ihren Widerwärtigkeiten allezeit Raht und Hilffe erlanget; seye also das beste Mittel/ daß man etliche getreue Personen nach Mainz schicke/ welche ihrem Herrn den ganzen Verlauff dieser Sache beweglichst vorstellen/ und die vor Augen schwebende Gefahr deutlich anzeigen sollten: Weil der Raht mit den Sächsischen Fürsten unter einer Decke liege/ so wolle sich der Churfürst seiner Bürger annehmen/ und sie wider etliche Raubgierige Personen schützen und handhaben. Sobald der Raht hiervon Wind bekommen hatte/ mahnte er die Gemeine auf alle Weis und Weege von diesem Vornehmen ab/ als ob hierdurch ihre Freyheit geschwächet würde/ sie sollten vielmehr die Sächsischen Fürsten um Hilff anruffen/ die würden gerechte Schiedsrichter seyn/ und allen Zwispalt auf das glücklichste zu schlichten ihnen höchsteiferig angelegen seyn lassen. Allein die Gemeine hatte hierzu keinen Lust/ sondern wendete dagegen ein/ es seyen die Sachsen mehr auf ihren Nutzen/ als auf der Stadt Erffurt Aufnehmen bedacht/ hiervon zeige Kapplendorff/ welches sie jüngst (unwissend aus was vor einer Ursach) an sich gezogen hätten.

Ehe und bevor aber die Gemeine dem Churfürsten zu Mainz hiervon Bericht ertheilte/ verfügten sich ihre Abgeordnete mit den Handwerks-Zunfftmeistern auf das Rahthaus/ woselbst fünff Collegia der Rahtsherren versammlet waren/ unter denen sich Heinrich Kelner/ ihr vornehmster Vierherr befande/ den fragten die Abgeordnete Wegen Kapplendorff/ wie hoch es wäre verkaufft oder verpfändet worden? der stunde von seinem Sitz mit ungestimm auf/ und antwortete/ man sage ihm verrätherischer und boßhafftiger Weise nach/ daß er diese Grafschafft verkauffet habe. Hierüber erbitterten sich die Abgeordnete zum hefftigsten/ und sagten/ er selbst und kein anderer/ sey es/ welcher ohne des Rahts und der Gemeine Wissen und Willen Kapplendorff den Fürsten übergeben hätte. Was Gemein? fragte hierauf Kelner trotzig/ und schlug mit seiner Rechten Hand an seine Brust mit diesen Worten: Hier stehet die Gemeine! Aber durch diese wenige aus tollkühnem Wesen herausgestossne Worte hat er sein Leben verloren/ wie hernach wird zu vernehmen seyn. Die Abgeordnete gaben hierauf zu vernehmen/ dis sey eine Lästerung wider das gemeine Regiment/ er sollte im Gefängnis so lange verziehen/ bis ein Ausspruch deßwegen erfolgte. Hierüber erschraken die Rahtsherren von Herzen/ daß man dem Obersten Vierherrn das Gefängnis anzubieten sich erkühnte/ weil sie sich vor ihre eigne Personen eines ärgern befahrten; baten dannenhero die Abgeordneten und Zunfftmeister der Handwerker/ sie sollten dem Kelner keine Gewalt anthun/ sonst würden die Sächsischen Fürsten solche Unbilligkeit dergestalt aufnehmen/ als ob sie ihnen selbst widerfahren wäre; Allein die Abgeordneten wollten den Kelner nicht frey lassen/ bis sie zuvor mit dem Volk geredet hätten; wiewol endlich/ auf inständiges Anhalten des Rahts/ so viel erhalten wurde/ daß er nach Angelobung/ bey Verlust Leibs und Lebens/ Haabs und Guts/ sich ohne des Rahts und der Gemeine Vergünstigung nicht auf der Gassen sollte betretten lassen. Weil er nun sich auch in seinem Hause nicht sicher zu sein erachtete/ flohe er in S. Veits Kirche/ woselbst er in die acht Wochen verharrete/ hernach aber nach seiner Wohnung kehrte/ und von dannen/ weil ausgestreuet wurde/ als ob er entfliehen wollte/ ins Gefängnis geleget wurde.

Hierauf wurden im Namen der Gemeine Sechs Personen an den Erzbischof und Churfürsten Uriel abgeschicket/ demselben den Zustand ihres Stadt-Wesens zu eröffnen. Als dieses etliche/ die wegen ihrer Ubel geführten Regiments-Verwaltung ein böses Gewissen hatten/ in Erfahrung gebracht/ flohen sie bey Zeiten/ aus der Stadt/ zu den Fürsten/ und streueten allda den Saamen der Uneinigkeit aus; also daß der Sächsische Churfürst Friedrich die Mainzischen Bedienten zu Erffurt/ durch seine Gesandten zu rede setzen liesse: Es gehe der Ruf/ die Uneinigkeit zwischen dem Raht und den Bürgern komme eigentlich daher/ als hätte er Kapplendorff/ zum Nachtheil der Stadt/ vom Kelner erkauffet/ er bitte dannenhero/ sie sollten daran seyn/ daß nach den Urhebern dieses Lügen-Gerüchts möchte geforschet/ und sie alsdann zu geziemender Straf gezogen werden; Welches die Mainzische Bediente zu thun versprachen/ auch würklich leisteten/ aber nichts hiervon erforschen konnten/ weil alle und jede laugneten/ daß dergleichen Reden in der Stadt wären gehöret worden.

Inzwischen wurden die Abgeordneten Erffurter zu Mainz ehrlich empfangen/ die/ als sie vor dem Erzbischof Uriel Audienz erlangten/ den elenden Zustand der Stadt Erffurt demselben folgender Gestalt zu verstehen gaben: Es würden die vortrefflichen Einkünfften der Stadt/ einen Weg als den andern/ Jährlich von den Ausgaben um 10000. Gulden übertroffen; die Summa der entlehnten Gelder beliefe sich auf 600000. Gulden; Die Creditoren trieben auf die Bezahlung/ nehmeten deßwegen theils Bürger gefangen/ und habe im übrigen alles ein so schlimmes Ausgehen/ als ob der gewisse Untergang vor der Thür wäre. Die Stadt seye durch der Rahtherren Schuld in dieß Elend gerahten/ indem etliche die Schatzkammer erschöpfet/ und die meisten das Geld zum Pracht und Ubermuth angewendet. Der Ursprung des Unheils komme daher/ weil keiner von dem andern ernstliche Rechnung gefordert/ sondern durchgehends durch die Finger gesehen worden/ dahero seyen die überflüssigen Ausgaben entstanden/ weil niemand deßwegen zur Rede gesetzet oder abgestraffet worden. Derohalben müsten die Rechnungen von dreissig Jahren her examiniret werden/ damit man auf die Spuhr kommen könnte/ wer die jenigen seyen/ die der Stadt so schädlich vorgestanden/ und man sich desto besser künfftig vor dergleichen höchstschädlichen Unordnungen hüten könnte. Dieß seye die Ursach /um derer Willen die Mißhelligkeit entstanden/ weil der Raht den Bürgern keine Rechnung thun wolle; Durch diesen Raht aber seyen nur etliche Wenige zu verstehen/ dann es seyen neulichst etliche von ihnen ausgetretten/ welche dieses Verlangen der Gemeine gebilliget/ und sich zu ihrer Parthey geschlagen/ da hingegen die andern Wenigen/ die kein gutes Gewissen haben/ mit List und Betrug bißhero sich diesem rechtmässigen Begehren widersetzet hätten/ und welches das ärgste/ so entblödeten sie sich nicht/ mit der Macht und Gewalt der Sächsischen Fürsten zu drohen/ hätten auch allbereit so viel bey denselben gewircket/ daß sie sich schon etlich mahl zu Schieds-Richtern und Vermittlern dieses Streits angebotten.

Hieraus könnte der Churfürst die Gefahr leichtlich abnehmen/ und daß nicht allein die Sache der Stadt Erffurt/ sondern auch des Erzbischofs selbst hierdurch Noht leide. Es könnte durch ein eilfertiges Mittel Raht geschaffet werden/ wann nur der Erzbischof befehlen wollte/ was hierinnen vorzunehmen/ damit seine Stadt wider etliche Wenige Frevler möchte beschützet werden.

Über dieses Anbringen erschrack Churfürst Uriel nicht wenig/ und fragte/ ob noch etliche von diesen Verschwendern des gemeinen Guts im Leben seyen/ welche die Stadt in so unglaublichen Schulden-Last gestecket hätten ? Und als die Abgeordneten solches bejaheten/ versprach er ihnen mit kräfftiger Hülff an die Hand zu gehen/ sie sollten nur die Stadt getreulich verwahren/ damit die jenigen/ welche von einer frembden Macht die Vergebung ihres begangenen Verbrechens suchen/ dieselbe nicht dardurch unterdrücken mögen: Es hätten die Bürger gar recht und wol gethan/ daß sie ihren rechtmässigen Herrn um Hülff angeruffen/ er wollte mit seinem Capitul die äussersten Kräfften daran strecken/ der Tochter des Stiffts Mainz unter die Arme zu greiffen/ und damit hieran die Entfernung des Orts nicht verhinterlich seyn möge/ wolle er ihnen etliche seiner Räthe zu Begleitern mitgeben/ welche ihnen nach erheischender Nothdurfft gleich an der Hand seyn/ und ihnen mit Raht und That beyspringen könnten. Mit dieser Antwort/ nebenst einem Schreiben an die Gemeine/ liesse Churfürst Uriel die Abgeordneten in Begleitung seiner Rähte von sich. Besagten Rähten wurde völlige Gewalt gegeben/ mit dem Erffurtischen Raht und Bürgern alles das jenige zu handeln/ was der Stadt und des Churfürstenthums Nutz/ Heil und Nothwendigkeit erfordern würde. Es gabe ihnen auch der Erzbischof ein Schreiben an Friederichen/ den Churfürsten zu Sachsen/ mit/ worinnen er bate/ daß derselbe seinen Commissarien mit Raht und Hülffe/ wo sie es verlangten/ möchte an die Hand gehen. Inzwischen liessen ihnen die aus Erffurt entwichne eiferigst angelegen seyn/ zu verhintern/ daß die Mainzischen nicht möchten nach Erffurt kommen. Allso wurden vom Ritter Thun/ Churfürst Friedrichs Marschalln/ die Weeg nach Thüringen verlegt/ damit die Legaten nicht durchkommen möchten; welche/ sich dessen befürchtend/ von der Heerstrassen in etwas abwichen/ und auf das Kloster des Gregorien-Thals zureiseten. Allein der Marschall Thun brachte dieses bald in Erfahrung/ liesse seine Truppen zusammen führen/ und umringte das Kloster mit 1500. Gewaffneten: Darauf liesse er die Erffurtischen Abgeordneten vor sich bringen/ und gab ihnen einen hefftigen Verweiß/ daß sie ohne der Thüringischen Herren Bewilligung eines Ausländischen Fürsten Gesandten durch ihre Provinz zu führen sich unterstünden. Warum sie seiner Fürsten Hülffe hintangesetzet/ und dagegen Chur Mainz angeruffen hätten? Liesse sie darauf in Ketten und Bande schliessen/ und also nach Weimar führen. Hierauf verfügte er sich zu den Chur-Mainzischen Gesandten/ und gab ihnen mit rauhen Worten zu verstehen/ warum sie ohne der Landgrafen Erlaubnis ihre Landschafft betretten hätten? und befahl ihnen zugleich/ sie sollten alsobald ihren Weeg wieder zurück ziehen/ wo sie her gekommen; ob sie aber nun gleich hierwieder protestirten/ und vorwendeten/ sie hätten sich aller Völker Recht bedienet/ welches einen unschädlichen Durchzug nicht verwehre/ wurden sie doch endlich dahin gezwungen/ daß sie aus Furcht dem Marschall Gehorsam leisteten/ und ihme endlich versprachen/ sich entweder wieder nach Mainz oder Würzburg zu verfügen. Allso behielte der Marschall die Schreiben an Churfürst Friederichen und an die Gemeine/ welche Erzbischof Uriel denen Gesandten mitgegeben hatte. Wie solches die Erffurter erfuhren/ wurden sie hefftig erbittert/ und liessen dem Erzbischof zu wissen thun/ was sich begeben/ mit angehängter Bitte/ bey dem Churfürsten in Sachsen anzuhalten/ daß die Gefangne wieder möchten auf freyen Fuß gestellet werden/ welches der Erzbischof wirklich leistete/ sich deswegen bey Chursachsen ernstlich beklagte/ und die Befreyung der Erffurtischen Deputirten eiverig triebe/ allein darauf nichts anders/ als eine freundliche Antwort/ nicht aber die Verwilligung seines Begehrens/ erhielte.

Unterdessen schickte Erzbischof Uriel andere Abgeordnete nach Erffurt/ welche um das Allerheiligen-Fest daselbst ankamen/ und Briefe mit sich brachten/ darinnen der Erzbischof die Erffurter zur beständigen Treue und embsiger Verwahrung der Wälle und Mauren fleissig ermahnte/ und sollten sie seiner Hülffe gewiß gewärtig seyn. Des folgenden Tages begaben sich diese Gesandte auf das Rahthaus/ und gaben daselbst ihres Herrn Befehl zu verstehen. Hiermit waren die Sachsen nicht zu frieden/ sondern ganz ungehalten/ daß man die Mainzischen in die Stadt gelassen hätte. Weil nun die Sache von Tag zu Tag ein schlimmeres Aussehen zu bekommen schiene/ legte sich Laurentius/ Bischof zu Wirzburg/ ins Mittel/ und liesse ihm eiverig angelegen seyn/ die verbitterten Gemüter beyderseits zu besänftigen/ stellte dannenhero zu Mühlhausen eine Zusammenkunft an/ allwo sowol die Mainzischen als Chur-Sächsischen erschienen/ und jene darauf drangen/ man sollte die Pfleger des gemeinen Schatzes dahin halten/ daß sie ihre Rechnung ablegten/ wordurch ihre üble Verwaltung am besten würde an Tag gebracht werden; allein die Sächsischen wollten/ man sollte vorhero den Raht wieder in seinen alten Stand setzen/ den gewesnen Vierherrn Kelner auf freyen Fuß stellen/ und alsdann erst inquiriren/ welche der Verbrechere seyn möchten; welches die Chur-Mainzischen ernstlich widersprachen/ und sonderlich von des Kelners restitution gar nichts hören wollten/ dannenhero auch diese Zusammenkunfft fruchtlos zergienge.

Als die Mainzischen Gesandten sich wieder in Erffurt eingestellet hatten/ erzehlten sie im Raht/ was zu Mühlhausen vorgegangen; und weil die Gemein inständig begehrte/ man möchte doch nicht länger aufschieben/ die Rechnung abzulegen/ weßwegen bishero am meisten gestritten worden/ gab der Raht hierauf zur Antwort/ er sey hierzu bereit; nur dies einige verlangte er von den Legaten/ weil er viel hundert Jahr her mit Mühlhausen und Northausen gute Freundschafft gepfloge/ und sie einander in gemeinen Angelegenheiten jederzeit merkliche Hülffe geleistet hätten/ so sollte man ihme vergönnen/ etliche Deputirte von ihnen zu begehren/ die ihme mit Raht und That in dieser Sache beyspringen möchten; also wurden die Mühl- und Northauser hierum ersuchet/ welche ihre Deputirte nach Erffurt sendeten/ aber nichts ausrichteten/ weil die Erffurtische Gemeine nicht nachliesse/ auf eine richtige Rechnung zu dringen/ und dagegen der Raht von Tag zu Tag die Sache verschoben/ dannenhero gedachte Deputirte/ als sie bey den Theilen die Einigkeit mit kräfftigen Worten recommendirt hatten/ ihren Abschied nahmen.

Alls dieses also vorgienge/ ersuchte die Gemeine die Mainzischen Gesandten abermahls/ sie sollten ihnen doch/ ihres Principalen Instruction Gemäs/ die längst verlangte Rechnungs-Leistung zu weegen bringen helffen/ als worauf die ganze Sache beruhete. Hierauf verfügten sich die Gesandten des andern Tages mit einer grossen Menge begleitet auf das Rahthaus/ und warffen dem versammleten Raht das allgemeine Elend der Stadt vor/ mit diesem Zusatz; man sehe in dieser Drangsahl gleichwol nicht die geringste Anstalt zu einer Verbesserung; man habe des Herrn Churfürsten und der Gemeine lang genug gespottet/ seye dannenhero einmal Zeit/ zur Sache zu thun; nahmen hiermit die Schlüssel zu den Archiven/ und fiengen an/ die Rechnungs-Erforschung vor die Hand zu nehmen; Hierüber entstunden grosse Uneinigkeiten/ etliche befliessen sich der Legaten Unterfahung durch eine Empörung zu verhintern/ indem sie vorgaben/ es würden die Geheimnissen des Gemeinen Wesens dem gemeinen Mann entdecket: Es hätten allbereit die Mainzer das Rahthaus eingenommen/ es seyen die Urkunden und Freyheiten den Frembdlingen in die Hände gerahten/ könne also eine einige Hand das jenige zu sich reissen/ was die Vorfahren mit mehr als tausend blutigen Händen erlanget und zu wegen gebracht hätten. Die jenigen nun/ denen mit aufrührischen Händeln trefflich gedienet ware/ bekamen hierdurch Wasser auf ihre Mühle; ja weil die Patritii selbst davor hielten/ es geschehe ihren Freyheiten zu kurz/ so schlugen sie sich auch zu jener Parthey. Allein die gewaffneten Handwerker liessen ihnen höchsteiverig angelegen seyn/ daß der Raht und die Patritii das Volk nicht unterdrücken möchten.

Weil nun nicht wenige Rahtsstellen durch die flüchtige Rahtsherren waren ledig worden/ so ware man im Werk/ an deren Statt/ neue zu erwählen. Die Gemeine hielte deßwegen Raht mit den Gesandten/ welche geschehen liessen/ daß der Vierte Burgermeister einer aus den Handwerks-Zünften seyn möchte/ der des Volks Nutzen getreulich beobachtete. Also wurden neue Rahtsherren erwählet in beyseyn der Mainzischen Gesandten/ welche begehrten/ daß man dem Erzbischof Gehorsam und Treue an Eydes Statt angeloben sollte/ wie dann auch so fort ihnen eine Eyds-Formul vorgeleget wurde/ welche die Gemeine vor genehm hielte/ wormit aber die Sächsischen nicht zu frieden waren; Allein der Erzbischof/ der ihme der Stadt Erffurt Bestes eiverig angelegen seyn liesse/ befahl durch seine Abgesandten dem Raht/ es sollten die Bürger unter 8. Capitainen/ denen er den Neunten zufügte/ vor der Stadt Wolfahrt sich gebrauchen lassen/ liesse auch die ganze Sache der Stadt vor den Kayser Maximilian gelangen. Selbiger liesse einen ernstlichen Befehl ergehen/ es sollten sowol die Sachsen als Erffurter ihre Gefangnen ohne Lösegeld auf freyen Fus stellen. Diesem Befehl kamen die Erffurter eiverig nach/ die Sachsen aber willigten hierein nicht gerne; und damit man sie nicht beschuldigen möchte/ als ob sie Kayserl. Majestät Ungehorsam wären/ liessen sie zwar die bißher Gefangen behaltne ledig/ nahmen aber dagegen andere gefangen. Damit nun der Sache möchte je eher je besser abgeholffen werden/ wurde selbige vom Kayser/ auf inständiges Ersuchen des Mainzischen Erzbischofs/ denen beyden Bischöfen zu Magdeburg und Würzburg zu entscheiden übergeben. Selbige/ damit sie des Kaysers Befehl nachkommen möchten/ begaben sich nach Erffurt; weil sie aber mehr Schwehrigkeit zu Hinlegung dieses Streits vor sich sahen/ als sie ihnen eingebildet hatten/ zogen sie wieder von dannen/ und liessen durch ihre Abgesandten das übrige abhandeln; Also wurde denen unruhigen Köpfen/ welche sich zusammen rottiret hatten/ und nach ihrem selbst-eignen Gefallen die Häuser beraubten/ und insgemein die schwarze Rott genennet wurden/ bey Verlust des Kopfs/ einhalt gethan/ daß sie sich wieder zu Frieden geben musten.

Damit wir uns aber wieder zu Heinrich Kelnern wenden/ dessen gleich Anfangs bey Beschreibung dieser Erffurtischen Unruhe Meldung geschehen/ so ist zu wissen/ daß er bishero im Gefängnis auf vielerley Weise sowol gut- als peinlich befraget worden/ da dann endlich die Sache da hinaus schluge/ und Rechtlich beschlossen wurde/ es habe Kelner das Leben verwirket/ und wegen vielfaltigen Diebstals verdienet/ daß er durch den Strang vom Leben zum Tod solle gebracht werden. Weil aber der Galgen ziemlich weit von der Stadt entfernet/ und zu besorgen ware/ es möchte der Übelthäter von den Sachsen hinweg genommen werden/ so machte der Mainzische Schultheiß Anstalt/ daß an dem Wall bey dem Krempfer-Thor ein Galgen aufgerichtet wurde. Und weil nirgend kein Henker zu bekommen ware/ wurde ausgeruffen/ wer sich zu diesem Amt wollte gebrauchen lassen/ der solle eine gute Verehrung bekommen; also fand sich einer/ gleiches Namens/ sein Gevatter/ ein Mühlknecht/ so hiebevor unter den Grafen von Schwarzburg/ stehlens halber/ war gefänglich eingezogen/ und vor einem Jahr von Heinrich Kelnern vom Galgen mit 36. Schocken abgekauffet worden/ der nahme 13. Gulden/ und versprach die Execution zu verrichten. Solcher Gestalt wurde Kelner dem Mainzischen Gericht vorgestellet/ da man ihme seine Dieberey vorlase/ und ihn zum Strang verurtheilte; und halffe sein Widersprechen und Läugnen nichts/ sondern er wurde/ nach langen Streit/ ob man in oder ausserhalb der Stadt das Urtheil vollstrecken sollte/ nach den gemeinen Hochgericht ausser der Stadt/ in Begleitung 800. Gewaffneter/ und 600. Wägen/ den Ort damit zu umgeben/ gebracht/ allwo der neue Henker den Kelner sehr übel mißhandelte/ daß er dreymal noch lebendig herab fiele/ biß ihme endlich zum viertenmahl durch den Strang die Kehle verschlossen wurde. Ein solch elendes End nahme dieser so hoch geachtete vornehmste Erffurtische Burgermeister.

Hiermit nahmen aber die Feindseeligkeiten kein Ende/ und wurde die Stadt gezwungen/ Soldaten anzunehmen/ um dem Frevel in etwas zu steuren/ zumahlen sowol die Handwerks-Leute als ihre Jungen sich nie anders/ als gewaffnet/ sehen liessen. Eines Tages nun/ als man bey feyerlicher Begehung der S. Michaels Kirchweyhe sowol unter den Studenten als Soldaten und Handwerks-Leuten dem Trunk allzuviel ergeben ware/ kamen besagte Partheyen Anfangs mit Worten/ hernach aber mit Waffen nahe bey dem Collegiohefftig aneinander/ also daß bey Tausenden sich miteinander herumschlugen/ biß endlich die Bürger denen Studenten an der Zahl überlegen/ dieselben in ihr Collegium jagten/ zwey Stück Geschütz herzu führten und damit das Collegium beschossen/ daß die Studenten über Hals und Kopf entfliehen musten. Worauf die Soldaten und Bürger hineindrangen/ Catheder/ Stühl und Bänke zerschlugen/ die Bibliothec zerstörten/ die Documenten zerrissen/ und alles/ was ihnen vorkame/ zernichteten.

Indem inzwischen der Kayser vernommen hatte/ daß die Gesandten den Erffurtischen Streit nicht beylegen könnten/ setzte Er dem Erzbischof zu Mainz/ denen Sächsischen Fürsten und der Stadt Erffurt zu Augspurg einen Tag an/ allda sie sollten durch ihre mit genugsamer Vollmacht versehene Mandatarios erscheinen/ und des Kaysers Ausspruch gewärtig seyn. Zeit währender dieser Versammlung führte Herzog Georg seine Völker zusammen/ und weil der Ruff gieng/ als wollte Er die Eichsfelder überziehen/ waren selbige auf ihrer Hut/ und thaten gute Vorsicht/ daß nirgend Einbruch geschehen möchte; Sie sendeten auch etliche Kundschaffter nahe um Erffurt/ daselbst hiervon Gewißheit einzuholen/ selbige aber wurden bey Salza von den Sachsen angesprenget/ und weil sie ihnen an der Zahl ganz ungleich/ nahmen sie ihre Flucht in das Erffurtische Städtlein Vargula. Das Schloß daselbst ware von 26 Erffurtischen Bürgern besetzet/ von denen begehrten die Sachsen/ sie sollten die Flüchtigen ihnen überantworten. Die Besatzung aber gabe zur Antwort: Man hätte ihres Herrn Soldaten aufgenommen/ welche ohne Verrätherey nicht könnten übergeben werden. Hierauf umringeten die Sachsen das Schloß/ und nach dem sie mehr Truppen bekommen hatten/ fiengen sie solches an zu stürmen; sie hätten aber dannoch davor nichts ausgerichtet/ wo nicht der Capitain daselbst entweder aus Furcht/ oder durch Geld bestochen dasselbe ihnen ohne starke Gegenwehr übergeben hätte/ weßwegen er auch ewig flüchtig gehen muste. Indessen hatte der Kayser zu Augspurg die Partheyen angehöret; weil aber die Sache/ wegen ihrer Wichtigkeit/ so geschwind nicht konnte entschieden werden/ und doch der Kayser anderswo zu thun hatte/ verlegte Er die Entscheidung derselben anfangs nach Würzburg/ und darauf nach Schmalcalden. Indem nun dieser Streit noch währete/ erhielten die Sachsen vom Kayser/ daß der Stadt Erffurt auferlegt wurde/ die Exulirenden wieder einzunehmen. Weßwegen der Raht den Erzbischof zuschriebe/ man könnte ohne Verletzung des Gemeinen Wesens solches nicht geschehen lassen/ es seyen selbige keine Exulanten/ sondern wegen bösen Gewissens Entlauffne/ welche/ wo sie würden wieder in die Stadt genommen werden/ ihre lose Stücke aufs neue zu treiben nicht unterlassen würden/ ersuchten also den Erzbischof/ ihnen hierinnen mit Raht und That beyzustehen. Selbiger hiesse sie gutes Muhts seyn/ und versprach ihnen/ er wollte die Cassirung des vom übelberichteten Kayser ertheilten Befehls nach Möglichkeit auszuwürken ihme angelegen seyn lassen/ und sonsten nichts verabsaumen/ was zu ihrer Stadt Wolfahrt dienlich seyn könnte; Indessen sollten der Raht und die Bürgerschafft ihre veste Oerter/ sonderlich Cyriacks-Burg und andere Schlösser bestmöglichst verwahren. Hierüber wurden die Erffurter höchlichst erfreuet/ rüsteten sich aufs beste zur Gegenwehr/ führten die Stücke auf die Wälle/ und verwahrten die Basteyen mit Schantz-Körben. Es schrieben aber die Sachsen an die Erffurter/ sie sollten dem Kayserlichen Befehl nachkommen/ sonst wollten sie dieselben mit einem mächtigen Kriegsheer mit Gewalt darzu zwingen. Welches alles sofort dem Erzbischof zu Mainz hinterbracht wurde/ der schickte sofort 150. Reuter nach Erffurt; Als die daselbst ankamen/ wurden alle Bäume um den Wall abgehauen/ Bet-Täge angestellet/ und Processionen gehalten/ auch sonst alles herbey geschaffet/ was zur äussersten Beschützung vor Nothwendig erachtet wurde. Wie solches denen Sachsen hinterbracht wurde/ liessen sie die Belägerung unterweeg. Hierauf ritten die Mainzischen Reuter auf allen Weegen und Feldern umher/ verjagten die Rauber/ und brachten also alles in gute Sicherheit. Nicht lang hernach aber/ entstund ein innerlicher Zwiespalt in der Stadt: Ein Mainzischer Reuter gerieth in einen Streit mit einem Burger/ und hieb ihme seine eine Hand ab/ hierauf geschahe ein grosser Zulauff der Bürger/ welche von den Mainzern kurzum haben wollten/ sie sollten ihnen den Thäter verfolgen lassen. Selbige billigten die That durchaus nicht/ und sagten/ sie wollten den Thäter gern ausliefern/ wo er nicht allbereit entflohen wäre. Hierüber entrüsteten sich die Bürger noch mehrers/ weil sie meinten/ man verhielte den Thäter mit allem Fleiß/ und einer unter ihnen rief/ die Stadt würde nicht eher zur Ruhe gelangen/ biß alle Mainzer würden todt seyn. Churfürst Uriel nahme dieses sehr Ubel auf/ und liesse deßwegen dem Raht einen scharffen Verweiß geben; selbiger aber entschuldigte sich/ man hätte dem unversehenen Tumult des rasenden Pöbels nicht geschwind genug vorbauen können/ bate dannenhero den Churfürsten/ er möchte nicht dem Raht/ sondern etlichen liederlichen Gesellen aus dem Pöbel solches zumessen; ja damit des Churfürsten Zorn noch mehrers möchte gelindert werden/ gabe der Raht dem gestümmelten Bürger den Einschlag/ er sollte nach Mainz reisen/ daselbst seinen Verletzer anklagen/ und dem Churfürsten seinen gestümmelten Arm zeigen; wordurch dann so viel bey demselben zuweeg gebracht wurde/ daß er allen Widerwillen auf einmahl fahren liesse.

Kurz hierauf hatte der Kayser die Stände Anno 1512. im Augustmonat/ nach Cölln zum Reichstage beruffen/ woselbst sich auch Erzbischof Uriel einfande/ und wurde allda unter andern auch die Erffurtische Sache wieder vorgenommen/ die Stadt dahin beruffen/ und vom Churfürsten selbst ermahnet/ ihre Gevollmächtigte dahin zu senden. Allein die Sache gerieht wieder ins Stecken/ weil der Kayser diese Strittigkeit nicht beylegen konnte/ daß er nicht einen unter beyden Churfürsten hätte beleidigen sollen.

Wie dieses zu Cölln vorgienge/ entstunde Anno 1513. Zu Erffurt wieder eine neue Unruhe/ wodurch selbiger Stadt Syndicus D. Bobenzahn elendiglich um sein Leben kame. Dann als die Schatzung etwas ernstlich eingefordert wurde/ wurde hierüber ein Ziengiesser ganz ungeduldig/ und brach in diese Wort heraus/ das arme Volk würde bis aufs Mark ausgesauget/ die grossen Doctores aber/ wie Bobenzahn einer wäre/ giengen leer aus. Hierüber entrüstete sich Bobenzahn/ lief vor des Bürgers Werkstatt/ und griffe ihn mit herben Schelt- und Läster-Worten an/ welcher des Syndicihierauf auch nicht verschonte/ und ihms so gut wieder gabe/ als ers empfangen hatte/ bis endlich die Sache so weit kame/ daß Bobenzahn die Zienernen Gefäse/ die zum Verkauffen zugegen stunden/ nach dem Ziengieser warffe/ endlich in Ermangelung derselben/ den Degen auszog/ damit durch das Fenster stach/ und so gar auch das Haus aufzubrechen sich bemühete. Hierüber kamen andere Bürger herzugelauffen/ und schryen dem Bobenzahn zu/ er sollte diesen Hochmuht einstellen/ als wordurch der Fried und gemeine Sicherheit Noth litte/ und hätte er damit Leib und Leben/ Gut und Blut verwirket. Worauf selbiger in die Carthausen entflohe/ aber bald wieder hervorgezogen/ und wegen dieses und andern Hochmuths peinlich angeklaget wurde; Weil er nun mit den Sächsischen Verdienten gar verträulich eine Zeitlang umgegangen ware/ wurde er an die Folter gebracht/ da er bekannte/ er hätte in Willens gehabt/ die Stadt den Sächsischen Fürsten zu übergeben. Also wurde er vor das Chur-Mainzische Gericht gestellet/ woselbst er sein Urtheil empfienge/ daß er sollte geviertheilet werden; wie dann auch bald darauf die Execution vor sich gienge.

Indem nun also zu Erffurt eine Unruhe der andern die Hand botte/ gienge Erzbischof Uriel mit Tod ab Anno 1514. Den 11. Februarii (Bruschius setzet den 3ten) und wurde sein Leichnam in die Domkirche begraben. Die Inscription seines Monuments lautet also: Urieli de Gemmingen, Archiepiscopo Moguntino Principi Electori, Viro singulari vitae gravitate, animiq; constantia praeclaro, qui posteaquam sedit annis IV. mens. IV aetatis suae Anno XLV. a Christo nato M.D.XIV.V. Idus Februarii vitam cum Pontificatu de posuit.

In einem Mainzischen Manuscript wird gelesen/ es seye dieser Erzbischof ein genauer Herr gewesen/ der das Seinige trefflich zu raht gehalten/ als er nun einsmals einen Seiner Kellermeister des Nachts zu Aschaffenburg erwischte/ daß er Wein aus dem Keller gestohlen/ hab er sich darob so sehr erzürnet/ daß er den ohngefehr bey handen liegenden Büttner-Schlegel ergriffen/ und damit des ungetreuen Knechts Kopf dermassen zerschlagen/ daß derselbe darüber todt zur Erden gefallen. Es habe ihn aber diese That hernach dermassen gereuet/ daß als Er etliche Tage darauf zu Mainz angelanget/ er vor grosser Betrübnis seinen Geist aufgegeben; oder sich doch also gestellet/ als ob er gestorben wäre/ und seye also an seiner Statt der Kellermeister mit Fürstlichem Pomp zur Erden bestattet worden; Er selbst aber sey in ein Carthäuser-Kloster gegangen/ und habe allda/ als in einem frembden Lande/ da ihn niemand gekannt/ sein übriges Leben in steter Buße zugebracht. Ob dem also sey/ oder nicht/ stehet dahin/ zumahlen das berührte Manuscript das Letztere selbst vor etwas ungewisses anziehet.