Der Deutsche Mississippi

auf einer Floßfahrt von Heilbronn nach Heidelberg schrieb Mark Twain seinen Bestseller Huckleberry Finn

von Ditmar Hauer

 

"Ich habe heute gecalled on der Herr Professor Ihne, qui est die Professor von Englischen Zunge im University, to get him to recommend ein Deutschen Lehrer für mich, welcher he did." Alles klar? Mit diesem verschrobenen Satz dokumentierte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain seinen Kampf mit der "schrecklichen deutschen Sprache", die er auch in seinem Reisebuch "Bummel durch Europa" wegen ihrer Endloswörter und undurchschaubaren Grammatik auf die Schippe nahm.


Das Zitat stammt aus einem Brief, den Twain am 7. Mai 1878 von Heidelberg aus an den Deutschland - Kenner und "Faust" - Übersetzer Bernard Taylor geschrieben hat. Denn bei aller Kuriosität, die er dem Idiom der Teutonen zuschrieb - "manche Wörter sind so lang, daß man sie nur aus der Ferne sehen kann" -, war er doch von Deutschland fasziniert. So widmete er von den 50 Kapiteln in "Bummel durch Europa" gut 20 seiner Reise durch den Südwesten Deutschlands.


Als Twain im April 1878 zu seiner Europareise aufbrach, ging es ihm darum, "wenigstens eines von einem halben Dutzend Büchern, die unvollendet herumliegen", fertigzustellen. Fast anderthalb Jahre war er mit seiner Familie in Deutschland, der Schweiz, Italien, Frankreich und England unterwegs. Von Hamburg, wo die Reisegesellschaft mit dem Atlantikdampfer angekommen war, reiste sie Richtung Südwesten und kam schließlich in Heidelberg an. Die Stadt am Neckar galt schon damals als Inbegriff der Romantik.


Ausführlich beschreibt Twain die Lage der Stadt "am Ausgang einer engen Schlucht - einer Schlucht in Form eines Hirtenstabs". Hoch oben auf einer Steilklippe über dem Fluß sieht er das Schloßhotel, von dem er nach nur einer Nacht in eine Herberge in der Altstadt umzog. Steht man heute auf der Karl-Theodor-Brücke und blickt hinauf zum Schloß, sucht man dieses Hotel vergebens. Auch wo Twains erste Unterkunft - "ein Hotel in der Nähe des Bahnhofs" - stand, läßt sich nicht mehr feststellen. An der Tatsache daß Heidelberg eine
Universitätsstadt ist, hat sich seit Mark Twains Zeiten jedoch nichts geändert. "Das Sommersemester war in vollem Gang, folglich war die häufigste Figur in und um Heidelberg der Student", schreibt er. "Man sieht zu jeder Tageszeit so viele Studenten, daß man sich schließlich zu fragen beginnt, ob sie überhaupt eine feste Arbeitszeit haben."


Man kann in Twains Beschreibung des studentischen Lebens durchaus so etwas wie Neid erkennen: Der deutsche Student besucht "nur die Vorlesungen, die das von ihm gewählte Fach betreffen, und den Rest des Tages trinkt er sein Bier, schleppt seinen Hund herum und läßt es sich gutgehen." Wer heute in eine akademische Kneipe einkehren will, sollte das "Schnookeloch" in der Haspelgasse besuchen. Historische Paukböden, wo Studenten die Klingen kreuzen, gibt es elf in Heidelberg - der von dem Schriftsteller besuchte befand sich in der Hirschgasse und ist heute ein Restaurant.


Besonders begeistert war Twain vom Karzer der Universität. Dieser befindet sich in der Augustinergasse nahe der alten Universität und wurde bis 1914 als Gefängnis genutzt, in dem Studenten für kleinere Vergehen Strafen zwischen zwei Tagen und drei Wochen absaßen. "Es scheint, daß der Student eine ganze Menge der bürgerlichen Gesetze übertreten kann, ohne sich vor den bürgerlichen Behörden verantworten zu müssen", notiert Twain. Reisende konnten den Karzer besuchen und sich die akademischen Sträflinge anschauen. Über und über mit Graffiti und Sprüchen wie "Lisbeth, ich liebe Dich!" oder "Blöder Kackbold! Trüber Schlammscheißer!" beschmiert, ist er auch heute noch eine Touristenattraktion.


Doch zurück zum Neckar, über den Twain an einer Stelle im "Bummel durch Europa" schreibt: "Der Neckar ist an vielen Stellen so schmal, daß man einen Hund hinüberwerfen kann, falls man einen hat." Das gängige Verkehrsmittel im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war das Floß, das Twain offenbar sehr schätzte: "Deutschland im Sommer ist die Vollendung des Schönen, aber niemand, der nicht auf einem Floß den Neckar hinuntergefahren ist, hat die äußersten Möglichkeiten dieser sanften und friedlichen Schönheit wirklich begriffen und ausgekostet", schwärmt der Autor.


Seit 1870 wurden auf dem Neckar sogenannte Kettenschiffe eingesetzt. Im kleinen Museum von Eberbach kann man diese technische Kuriosität studieren, bei der sich Lastkähne an einer 114 Kilometer langen Kette von Heilbronn bis Mannheim den Neckar entlang hangelten. Für die Personenschiffahrt gab es Dampfschiffe, die sehr auf ihren Ruf bedacht waren. So war "die Beförderung von stark riechendem Käse" ausgeschlossen.


Auf seiner Europareise1878 - 1879 schrieb Mark Twain "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" zu Ende, und so mancher Lokalpatriot zwischen Heidelberg und Heilbronn behauptet, die Floßfahrt von Huck und Jim auf dem Mississippi habe eigentlich auf dem Neckar stattgefunden.


Wer heute den Fluß befahren will, der kann das mit Kanus tun oder mit einem modernen Passagierschiff. Und wer die richtige Tour bucht, hat sogar Mark Twain mit an Bord. Ab Wimpfen gibt es Ausflugsfahrten, bei denen der Schauspieler Andreas Wulf im Kostüm des Amerikaners und mit unverkennbarem Mississippi- Akzent von den haarsträubenden Abenteuern auf dem Neckar erzählt.


Szenenwechsel. "Das Gasthaus zum Naturalisten trug seinen Namen mit gutem Grund: Alle Gänge und Zimmer wurden von großen Glasschränken gesäumt, die mit allen erdenklichen, geschickt ausgestopften und in der natürlichsten und dramatischsten Haltung aufgestellten glasäugigen Vögeln und Tieren angefüllt waren", beschreibt Twain sein Quartier im Städtchen Hirschhorn. Was ihm wohl nicht ganz geheuer war, fühlte sich doch der Amerikaner von einer Schneeeule in seinem Zimmer empfindlich gestört. Hinter dem "Naturalisten" steckte Carl Langbein, der ein Wirtshaus in Hirschhorn betrieb und alles sammelte, was die Natur hervorbrachte: Muscheln, Schneckenhäuser, getrocknete Blüten und ausgestopfte Tiere. Das legendäre Wirtshaus existiert nicht mehr. Langbeins Sammlung jedoch hat die Zeit überdauert und ist im Museum von Hirschhorn zu besichtigen.


Seinen amerikanischen Lesern muß Twain das Kuriositätenkabinett recht schmackhaft gemacht haben. Noch immer kommt ein Dutzend Amerikaner pro Jahr mit dem Buch unter dem Arm, um die weiße Eule zu sehen, die Twain um den Schlaf brachte.


Schade nur, daß er zum deutschen Wein kein gutes Verhältnis entwickeln konnte. Er verglich den "Rheinwein" - ein Name, den er allen deutschen Tropfen gab - oft mit Essig. Was er damals genau trank, hat er nicht notiert. Doch könnte er heute einen Ausflug auf die Burg Hornberg bei Gundelsheim machen, würde er seine Meinung mit Sicherheit ändern. Das gleichnamige Weingut wird von Baron Dajo von Gemmingen - Hornberg betrieben, dessen Familie die Burg im Jahr 1612 von den Nachfahren des Ritters Götz von Berlichingen
kaufte. Der Baron produziert seine Weine im ökologischen Anbau und keltert die Weine in Handarbeit.


Vom alten Heilbronn, wie es Mark Twain und seine Reisegefährten gesehen haben mögen, ist nicht mehr viel übrig. Als eine der bedeutendsten Industriestädte in Baden - Württemberg und wichtiger Binnenhafen war die Stadt im Zweiten Weltkrieg Ziel amerikanischer Bombenangriffe, die 80 Prozent der Altstadt zerstörten. Übriggeblieben sind allerdings der viereckige Götzenturm mit der Zelle des berühmten Ritters und das Rathaus mit der astronomischen Uhr. Fazit: Der "Bummel durch Europa" taugt noch als Reiseführer für Literaturinteressierte, spaßig ist er zudem.